Porträt von Claire Drumond
Von Claire Drumond

Ist das Agile-Manifest noch relevant?

Wir befinden uns mitten in einer technologischen Revolution. Sollten wir uns auf dem Weg in eine von kontinuierlicher Innovation geprägte Geschäftswelt weiterhin am Agile-Manifest orientieren? Dieses kurze, aber dennoch bahnbrechende Dokument hat uns vermittelt, was nötig ist, um Produkte nicht mehr per Schiff auszuliefern, sondern noch am selben Tag per Drohne. Heute sind wir nicht mehr so sehr als Pioniere unterwegs, sondern eher als Forscher auf dem Gebiet der kontinuierlichen Verbesserung. Daher fragen wir uns: Muss auch das Manifest verbessert werden?

Die ursprüngliche Geschichte

Im Februar 2001 kamen 17 Männer in Snowbird (Utah, USA) zusammen, um über die Zukunft der Softwareentwicklung zu diskutieren. Den Mitgliedern dieser Gruppe war die Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation gemein, auch wenn sie unterschiedliche Lösungsansätze im Kopf hatten.

Einig waren sie sich über das Problem: Ihrer Meinung nach waren viele Unternehmen so sehr auf die minutiöse Planung und Dokumentation ihrer Softwareentwicklungszyklen fokussiert, dass sie das eigentlich Wichtige aus den Augen verloren hatten: die Anforderungen der Kunden zu erfüllen.

Die Unternehmen trugen zwar Werte wie "Exzellenz" und "Integrität" vor sich her, nutzten diese aber nicht, um ihre Mitarbeiter – insbesondere die Softwareentwickler – auf einen besseren Weg zu führen. Das musste sich ändern. Viele Vertreter der Snowbird 17 hatten bereits Ideen zum Einläuten einer neuen Ära der Softwareentwicklung. Hier in Utah konnten sie diese endlich auf den Tisch bringen.

Das Ergebnis dieses langen Wochenendes war das Agile-Manifest – im englischen Originalwortlaut gerade einmal 68 Wörter lang. Dieses kurze, knappe Dokument hat die Softwareentwicklung für immer verändert. In den folgenden knapp 20 Jahren wurde das Manifest (und die daraus abgeleiteten 12 Prinzipien) von zahllosen Einzelpersonen, Teams und Unternehmen (in unterschiedlichem Umfang) dankbar aufgenommen.

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Die 12 Prinzipien des Agile-Manifests: Definition einer Kultur

Die heutige Agile-Landschaft erscheint oft unübersichtlich, weil so viele Methoden versprechen, die Ideale von Agile in die Praxis umzusetzen. Dieses Methodengewirr ist jedoch nichts Neues.

Das Manifest selbst entstand aus dem Bedürfnis heraus, zwischen Scrum, Extreme Programming, Crystal Clear und anderen Frameworks eine gemeinsame Linie zu finden.

"Sie erkannten langsam, dass ihre Methoden etwas gemeinsam hatten. Zu dieser Zeit waren sie jedoch im Wesentlichen Konkurrenten, zumindest im Geiste", erklärt Ian Buchanan, Principal Solutions Engineer for DevOps bei Atlassian. "Vor diesem Hintergrund ist es schon erstaunlich, dass sie überhaupt eine Übereinkunft fanden."

Die Snowbird 17 wollten wissen, ob sich Vertreter ihrer unterschiedlichen Disziplinen überhaupt auf irgendetwas einigen könnten. Zu ihrer eigenen Überraschung gelang das Experiment. Sie vereinbarten eine Reihe von Werten, die eine bestimmte Kultur definieren.

Diese Werte lauten wie folgt:

Manifest für die Agile-Softwareentwicklung

Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen.

Durch diese Tätigkeit haben wir diese Werte zu schätzen gelernt:

Individuen und Interaktionen haben Vorrang vor Tools.

Funktionierende Software hat Vorrang vor umfassender Dokumentation.

Zusammenarbeit mit Kunden hat Vorrang vor Vertragsverhandlungen.

Reagieren auf Veränderungen hat Vorrang vor dem Befolgen eines Plans.

Das heißt, obwohl wir die Werte auf der rechten Seite wichtig finden, schätzen wir die Werte auf der linken Seite mehr.

Kent Beck James Grenning Robert C. Martin
Mike Beedle Jim Highsmith Steve Mellor
Arie van Bennekum Andrew Hunt Ken Schwaber
Alistair Cockburn Ron Jeffries Jeff Sutherland
Ward Cunningham Jon Kern Dave Thomas
Martin Fowler Brian Marick  

In den 12 Prinzipien für Agile-Software, ebenfalls ein Produkt des Treffens in Snowbird, werden die im Manifest nur sehr knapp formulierten Werte etwas ausführlicher dargestellt.

Das war es. Seitdem wurde die Website mit dem Agile-Manifest nur minimal (wenn überhaupt) geändert. Die Welt, in der Agile stattfindet, ist dagegen heute eine völlig andere.

Bild von zwei Menschen, die zusammen ein modernes Agile-Manifest schreiben

Die große Debatte um Agile

Die Snowbird 17 konnten ihre verschiedenen Ansichten letztlich unter dem Dach einiger Grundannahmen vereinen, aber damit war die Debatte noch nicht beendet. In gewisser Hinsicht ist Agile in noch viel mehr Vorgehensweisen zersplittert, als die Vordenker ursprünglich im Kopf hatten. Es scheint, als gestalte jeder Agile ganz nach seinen Wünschen.

Heute gibt es SAFe und LeSS und viele Anwendungsgebiete für Agile, die mit der Softwareentwicklung nichts mehr zu tun haben, obwohl am Anfang des Manifests ganz klar steht: "Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen."

Laut TechRepublic [Link] hat NPR (ehemals National Public Radio, eine öffentliche, lose organisierte Zusammenarbeit von Hörfunksendern in den USA) mit Agile die Programmkosten um 66 % gesenkt. Es werden drei weitere Anwendungsbeispiele für Agile-Praktiken im nichttechnischen Bereich genannt.

Dave West, der CEO von Scrum.org, besucht regelmäßig Unternehmen, die Agile-Praktiken befolgen. Er hat ein Forschungsteam getroffen, das unter Verwendung von Agile an der Entwicklung eines Mittels gegen erblich bedingte Erblindung auf der Grundlage spezieller Viren arbeitet.

Agile wird also zunehmend auch außerhalb der Softwareentwicklung genutzt, aber dies entspricht nicht unbedingt der Intention der Urheber des Manifests.

"Natürlich kann man das Manifest auch anderweitig auslegen, aber es ist ein tiefgehendes Verständnis notwendig, um die Ideen sinngetreu zu übertragen", so Buchanan.

Dieses Verständnis ist selbst bei der Softwareentwicklung durchaus nicht immer gegeben.

Der "Agile Industrial Complex" ("Agile-Industrie")

Es wird oft behauptet, dass das sogenannte "Faux Agile" ("falsches Agile") und sein böser Zwilling "Dark Agile" ("dunkles Agile") aufblühen, weil das Geschäft mit Schulungen und Beratungsangeboten zu Agile so gut läuft. Manche Gegner dieser Entwicklung gehen sogar so weit, die Unternehmen, die mit Agile Geld verdienen, als den "Agile Industrial Complex" ("Agile-Industrie") zu bezeichnen. 

"Es gibt Unternehmen, die Agile wie einem Kult huldigen. Sie tun und sagen zwar das Richtige, haben aber die grundlegenden Prinzipien dahinter nicht verstanden. So erzielen sie nicht die gewünschten Ergebnisse", erklärt Buchanan.

Oft wird Atlassian vorgeworfen, diesen Kult zu fördern, weil unsere Tools Agile-Frameworks wie Scrum und Kanban unterstützen. Wir sind aber überzeugt, dass Agile eine Frage der Kultur ist und dass Teams so arbeiten können sollten, wie es für sie am besten passt. Agile-Frameworks stützen sich immer auf kulturelle Werte. Wenn dieser kulturelle Standard nicht gegeben ist, läuft Agile unter Umständen von Anfang an in die falsche Richtung.

Ob man es nun als "Faux", "Dark" oder "Kult" bezeichnet: Selbst wenn die Anwender ein Zertifikat besitzen, führen diese Agile-Abwandlungen oft zu Situationen, die der Absicht hinter dem Agile-Manifest völlig widersprechen. Einige der negativsten Beispiele sind Mikromanagement, ungesunde Arbeitsgeschwindigkeiten, zu seltene Releases und das starre Befolgen von Prozessen ohne Berücksichtigung von Prinzipien. Aufgrund dieser unguten Erfahrungen wenden sich manche Branchenvertreter komplett von Agile ab (oder nehmen Änderungen vor, die ihrer praktischen Erfahrung mit dem Framework entsprechen.)

Ron Jeffries, ein Vertreter der Snowbird 17, hat versucht, diesen Fehlentwicklungen mit folgender Einschränkung zu begegnen:

"Hier und in anderen Texten setze ich den Begriff "Agile" in Anführungszeichen, wenn er sich auf die vielen Instanzen, Ansätze und Prozesse bezieht, die sich selbst "Agile" nennen, obwohl sie nicht unbedingt den Prinzipien oder dem Geist der im Agile-Manifest beschriebenen Agile-Softwareentwicklung folgen. Manchmal schreibe ich zur Hervorhebung "Faux Agile" oder "Dark Agile" und meine damit sogenannte "Agile"-Ansätze, die deutlich ins Negative umgeschlagen sind. Wenn ich mich auf die grundlegenden Ideen aus dem Manifest beziehe, von denen ich immer noch überzeugt bin, verwende ich manchmal den Begriff "Manifest-Agile"."

Ist das Agile-Manifest als Referenz angesichts der weiten Verbreitung und manchmal völlig falschen Auslegung von Agile überhaupt noch sinnvoll?

Ist das Manifest noch relevant?

Nachdem wir Hunderte von Atlassian-Kunden, interne und externe Agile Coaches, Fans und begeisterte Anwender befragt haben – ganz zu schweigen von den vielen Stunden, die wir mit der Recherche zu diesem Thema in den sozialen Medien verbracht haben –, kann ich aus voller Überzeugung sagen, wie die Antwort lautet: Ja. Das Manifest ist immer noch relevant. Heute vielleicht sogar noch mehr als früher.

Meine Kollegen Dan Radigan, Senior Enterprise Agile Coach, und Ian Buchanan, die jeden Tag mit Kunden zusammenarbeiten, haben beide bestätigt, dass sie das Manifest regelmäßig neuen Kunden ans Herz legen. 

Tanner Wortham, Agile Coach und Senior Technical Program Manager bei LinkedIn, zitiert nach eigener Aussage ebenfalls oft aus dem Manifest. Wortham war zehn Jahre bei den Marines und berichtet, dass er Agile schon angewendet hat, bevor es überhaupt einen Namen hatte. Für ihn hieß es einfach "Marines führen". Wortham findet allerdings, dass ein Name ein wichtiger erster Schritt zum Begreifen eines Konzepts ist.

"Erst wenn eine Sache einen Namen hat, kann man wirklich etwas damit anfangen. Genau das hat das Manifest geleistet: Es hat dem Konzept einen Namen gegeben. Die Wahl fiel auf "Agile". Ich denke, der Trend hatte damals schon begonnen. Anhand des Namens wurde er aber greifbarer."

Scrum.org-CEO Dave West merkt an, dass die Agile-Prinzipien eigentlich nichts Neuartiges sind. Sie werden lediglich auf andere Weise angewendet.

"Wir haben die Grundannahmen aus dem Manifest nicht erfunden", so West. "Sie bilden die Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens und wurden schon von Galileo und Archimedes angewendet."

Die vielleicht größte Leistung des Agile-Manifests besteht in der Formalisierung einer Denkweise, die zuvor noch nicht auf die Softwareentwicklung angewendet worden war. Das ist nicht zu verachten.

Was bedeutet das alles?

Es gab die Agile-Prinzipien also schon vor dem Agile-Manifest. Sie wurden auch bereits auf die Softwareentwicklung angewendet. Diese Werte wurden im Agile-Manifest dokumentiert. Dann übernahmen Menschen die Prinzipien des Manifests und wendeten sie auf ihre eigene Arbeit an. Wird es angesichts dieses wiederholten "Ideen-Recyclings" Zeit für eine Aktualisierung des Agile-Manifests?

Nicht unbedingt.

Bahnbrechende Neuerungen wie das Manifest lassen sich zwar durchaus neu interpretieren, aber an das Original reicht dennoch nichts heran. Statt einer offiziellen Aktualisierung ist es daher vielleicht besser, wenn du herausfindest, wie du es für dich selbst, dein Team oder dein Unternehmen anwenden kannst.

Wortham dazu: "In vielerlei Hinsicht bildet das Manifest eine Diskussionsgrundlage: Ich interpretiere es so. Wie interpretierst du es? Gut, lass uns sehen, wie wir zusammenarbeiten können."

So betrachtet ist es vielleicht gar nicht wichtig, ein ultimatives Dokument zu haben, mit dem alle einverstanden sind. Wichtiger ist die Frage, ob eine Gruppe (sei es ein Team oder ein ganzes Unternehmen) die Ideen aus dem Manifest auf ihre konkrete Situation übertragen kann, ohne dabei den Geist von Agile aus den Augen zu verlieren. Wenn dies möglich ist, stehen uns alle Wege offen.

West sah es wie folgt: "Ich bin überzeugt, dass wir auf der Welt Großes erreichen können, wenn wir das hier richtig angehen. Wir können den Krebs besiegen. Meine Kinder werden 150 oder vielleicht sogar 175 Jahre alt werden. Ich glaube, dass wir all dies schaffen können und werden."

Besonderer Dank geht an Amanda O'Callaghan, Ian Buchanan, Dan Radigan, David West und Tanner Wortham, die ihre Erkenntnisse und ihr Fachwissen zu diesem Text beigesteuert haben. 

Claire Drumond
Claire Drumond

Claire Drumond ist Marketingstrategin, Sprecherin und Texterin für Atlassian. Sie hat zahlreiche Artikel verfasst, die auf Trello- und Atlassian-Blogs erschienen sind, und wirkt regelmäßig an Veröffentlichungen auf Medium mit, darunter HackerNoon, Art+Marketing sowie PoetsUnlimited. Auf Technologiekonferenzen weltweit spricht sie über agile Methoden, das Aufbrechen von Silos und den Aufbau von Empathie.

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