Das LeSS-Framework (Large-Scale Scrum)

So werden mit LeSS die Prinzipien und Ideale von Scrum auf Großunternehmen übertragen

Thomas E. OConnor Thomas E. OConnor
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Agile Teams bestehen aus Produktinhabern, Scrum Mastern, Softwareentwicklern und anderen, die gemeinsam an der Lösung komplexer Probleme durch die kreative Bereitstellung nützlicher Produkte arbeiten. Scrum ist eine der beliebteren Agile-Methoden, die Teams für Entwicklung, Bereitstellung und Betrieb komplexer Produkte einsetzen. Doch erst vor kurzer Zeit haben wir Möglichkeiten zur effektiven Skalierung von Scrum in großen Unternehmen gefunden. Wir nutzen dazu skalierte Agile-Prozess-Frameworks wie Large-Scale Scrum (LeSS).

Was ist das LeSS-Framework?

LeSS ist ein Framework zur Skalierung von Scrum für mehrere Teams, die gemeinsam am selben Produkt arbeiten. Es beginnt mit der Gründung eines einzigen Scrum-Teams, wie es von Ken Schwaber und Jeff Sutherland im Scrum Guide definiert wird, und kann für mehrere Teams angewendet werden, die gemeinsam an einem Produkt arbeiten.

Dies wird im Buch Large-Scale Scrum: More with LeSS von Craig Larman und Bas Vodde näher ausgeführt. Die Autoren haben LeSS auf der Basis ihrer jahrelangen Erfahrung als Framework für die Wertschöpfung bei gleichzeitiger Reduzierung von Komplexität und Verschwendung definiert.

Ziel des LeSS-Frameworks ist es, die Prinzipien und Ideale von Scrum so einfach wie möglich im Kontext eines Großunternehmens anzuwenden. Dazu werden bestimmte Regeln und Leitlinien festgelegt. Aufgrund seiner Einfachheit wird LeSS als "gerade eben ausreichendes" Framework betrachtet, was aber nicht unbedingt negativ gemeint ist.

Die Struktur des LeSS-Frameworks

LeSS wurde im Zuge von mehr als 600 Experimenten entwickelt und umfasste eine Erweiterung der Scrum-Praktiken, die damals nur für kleine Gruppen am selben Standort geeignet waren. Die Experimente, Leitlinien, Frameworks und Prinzipien von LeSS wurden geschaffen, um die Anforderungen einer größeren Anzahl von Teams zu unterstützen. Darüber hinaus wurden später die LeSS-Regeln veröffentlicht, um LeSS besser zu definieren, Anleitungen zur Implementierung und Ausführung von LeSS zu geben und Leitfäden zur Einführung anzubieten.

Prinzipien, Frameworks, Leitlinien und Experimente

Prinzipien

LeSS definiert zehn Prinzipien zum Übertragen des Nutzens, der Elemente und des Gesamtzwecks von Scrum auf ein großes Unternehmen. Sie tragen dazu bei, verantwortungsbewusstere Teams mit größerer Kundenorientierung und stärkerer Zusammenarbeit zu schaffen. Die Teams konzentrieren sich auf Lernen, Transparenz und die Bereitstellung kundenorientierter Werte, die Produktorganisationen benötigen, um wettbewerbsfähig und reaktionsschnell zu bleiben. Hier die vollständige Liste:

  • Large-Scale Scrum ist Scrum
  • Empirische Prozesskontrolle
  • Transparenz
  • Mit weniger Ressourcen mehr erreichen
  • Fokus auf dem Gesamtprodukt
  • Kundenorientiertheit
  • Kontinuierliche Verbesserung bis hin zur Perfektion
  • Systemdenkweise
  • Lean-Denkweise
  • Warteschlangentheorie

FRAMEWORKS

Bei LeSS gibt es zwei Konfigurationen: Basic LeSS für zwei bis acht Teams (10 bis 50 Personen) und LeSS Huge für mehr als acht Teams (50 bis über 6.000 Personen).

LeSS Huge baut auf Basic LeSS auf, ergänzt um die zentrale Rolle des Produktinhabers für einen bestimmten Bereich (Area Product Owner, APO) sowie zusätzliche Artefakte und Änderungen bei Meetings. Es empfiehlt sich, mit Basic LeSS in deinem Unternehmen zu beginnen, um zu experimentieren, Erfahrungen zu sammeln und Feedback einzuholen, und erst danach auf LeSS Huge umzusteigen. Es gibt zwei empfohlene Ansätze für die Einführung von LeSS Huge:

  1. Anforderungsbereich für Anforderungsbereich, wobei der Fokus auf jeweils einem Anforderungsbereich innerhalb des Gesamtprodukts liegt
  2. Allmähliche Erweiterung des Arbeitsumfangs des Teams, der Definition von "Erledigt" und der Produktdefinition

Auf diese Weise kann ein Unternehmen den Teams Erfahrungen mit LeSS ermöglichen, in einem Produktbereich expandieren und sich die Unterstützung des Managements sichern, bevor LeSS im gesamten Unternehmen skaliert wird.

Handbücher

Die LeSS-Leitlinien sind Empfehlungen der Autoren Craig Larman und Bas Vodde, die auf mit LeSS durchgeführten Experimenten basieren. Obwohl sie ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt des dritten Buchs "Large-Scale Scrum: More with LeSS" sind, erweisen sie sich als sehr hilfreich, um zu verstehen, wie LeSS übernommen werden kann, welche Rollen und Zuständigkeiten die Beteiligten haben, wie die teamübergreifende Koordination und Integration abläuft und vieles mehr. Dabei ist lediglich zu beachten, dass die Befolgung der Leitlinien beim LeSS-Framework optional ist.

Experimente

LeSS beinhaltet Experimente, die einige Unternehmen laut Empfehlung der Autoren ausprobieren sollten, während andere Unternehmen sie vermeiden sollten und mit denen wieder andere gemischte Ergebnisse erzielt haben. Die Ergebnisse von Experimenten waren für die Entwicklung des LeSS-Frameworks grundlegend.

Die ersten zwei Bücher von Craig Larman und Bas Vodde – "Scaling Lean & Agile Development" und "Practices for Scaling Lean & Agile Development" – umrissen Large-Scale Scrum als eine Reihe von Experimenten nach folgendem Prinzip: Es gibt keine "Best Practices", da Best Practices immer im Kontext der Umgebung zu betrachten sind.

Das dritte Buch des Autors, "Large-Scale Scrum: More with LeSS", enthält Leitlinien für die Einführung von LeSS, Experimente aus den ersten beiden Büchern, eine Klärung der Rollen bei LeSS, Tipps zur Koordination und Integration zwischen Teams und vieles mehr.

In den drei Büchern wurde das Framework nach und nach ausgearbeitet. Sie sind als Lektüre zu den Grundlagen von LeSS sehr zu empfehlen.

Rollen und Planung bei LeSS

Basic LeSS konzentriert sich auf das Team und die wichtigsten Scrum-Rollen: der Scrum-Produktinhaber, der für die Produktvision und -ausrichtung zuständig ist, die Scrum-Entwicklerteams, die für die Produkterstellung und -lieferung zuständig sind, und der Scrum Master, der das Team mit kontinuierlicher Verbesserung und Coaching unterstützt. LeSS gesteht dem Manager eine größere Rolle zu: Er unterstützt das Team dabei, Hindernisse für kontinuierliche Verbesserung und Autonomie aus dem Weg zu räumen.

Wie bereits erläutert erfüllt bei LeSS Huge der Produktinhaber für einen bestimmten Bereich (Area Product Owner, APO) seine unterstützende und koordinierende Rolle in Zusammenarbeit mit dem übergeordneten Produktinhaber. Er hat eine wichtige Funktion als Bindeglied zwischen dem Unternehmen und den technischen Teams. Der APO übernimmt dieselben Aufgaben wie der Produktinhaber, jedoch mit stärkerem Fokus und im Umfang auf das von ihm betreute Team begrenzt. Der APO ist auf kundenorientierte Aufgaben spezialisiert und fungiert als Produktinhaber für produktzentrierte Feature-Teams.

Eine der wichtigsten Zeremonien, die bei Scrum beschrieben und bei LeSS näher erläutert wird, ist das Meeting zur Optimierung des Produkt-Backlogs (Product Backlog Refinement, PBR). Bei PBR-Meetings wird die Sprint-Planung über mehrere parallel ablaufende Sprints hinweg auf die verschiedenen Fokusbereiche ausgedehnt. Der fortlaufende Rhythmus dieser Meetings ist in jedem Sprint wichtig, um Elemente zu verstehen, zu besprechen und zu verfeinern und sich so auf zukünftige Sprints vorzubereiten. Die Hauptaktivitäten bei PBR-Meetings sind: 1) Aufschlüsselung großer Elemente, 2) Klärung und Beantwortung offener Fragen und 3) Abschätzung des Story-Umfangs sowie der Risiken, Abhängigkeiten und Werte.

Neben der Sprint-Planungszeremonie sind Sprint-Review und -Retrospektive wesentliche Zeremonien, bei denen betrachtet wird, was die Teams erstellt und geliefert haben, und bei denen Änderungen, Verbesserungen und neue Ideen diskutiert werden. Sie bieten Teams auch die Gelegenheit, den von ihnen geschaffenen Kundennutzen zu feiern. Jedes Team nimmt eine solche Retrospektive zur Betrachtung und Anpassung vor. Zusätzlich gibt es eine Retrospektive, in der die Koordinierung und Zusammenarbeit des Teams bewertet werden.

Was unterscheidet LeSS von anderen Frameworks?

LeSS ähnelt in fünf Hauptkomponenten anderen Frameworks zur Agile-Skalierung: Es ist vom Agile Manifest und den darin genannten 12 Prinzipien inspiriert. Durch Sprints/Iterationen ist ein Rhythmus gegeben. Die Umsetzung wird im gesamten Unternehmen synchronisiert. Es gründet auf Scrum. Praktiken zur Qualitätsentwicklung wie DevOps, CI/CD und testorientierte Entwicklung (Test-Driven Development, TDD) werden umgesetzt. Bei anderen Aspekten unterscheidet sich LeSS jedoch von den übrigen Frameworks.

LeSS im Vergleich mit Scrum

LeSS wird häufig mit Scrum verglichen, um zu ermitteln, welches das bessere Framework ist. Dies ist jedoch nicht die richtige Herangehensweise. LeSS ist nicht als "bessere" Version von Scrum zu verstehen. Es herrscht keinerlei Konkurrenz zwischen den beiden Konzepten. LeSS baut auf Scrum auf und soll den Einsatz von Scrum in einem umfassenderen Kontext und die Skalierung in größeren Unternehmen mit mehreren Teams ermöglichen.

Basic LeSS ähnelt sehr stark der Struktur mit nur einem Scrum-Team. Bei LeSS gibt es nur ein Produkt-Backlog, einen Produktinhaber und eine Definition von "Erledigt". Auch wenn mehrere Teams vorhanden sind, arbeiten sie alle als ein Scrum-Team zusammen, um am Ende jedes Sprints ein gemeinsames, auslieferbares Produkt zu erhalten. Es ist zwar nur ein Produktinhaber mit einem einzigen Produkt-Backlog vorhanden, dennoch können die sich daraus ergebenden Aufgaben bei LeSS auch von mehreren Teams übernommen werden.Bei LeSS Huge wird die Rolle des Produktinhabers um APOs (Area Product Owners) erweitert, die sich um die Koordinierung und Zusammenarbeit mehrerer Teams kümmern. Um diese Bemühungen zu unterstützen, leitet der Produktinhaber das Meeting zur Optimierung des Produkt-Backlogs für ein einzelnes Team und trägt so zur Abstimmung der Aufgaben aller zusammenarbeitenden Teams bei.

Darüber hinaus ist bei LeSS die Sprint-Planung in zwei Teile unterteilt: 1) Alle Teams kommen zusammen, um zu entscheiden, wie die Elemente aus dem Produkt-Backlog am besten aufgeteilt werden sollen, und 2) Teams planen ihren Sprint, während sie mit anderen Teams zusammenarbeiten und kommunizieren, um die Elemente aus dem Produkt-Backlog zu liefern.

Abgesehen von diesen Punkten gibt es bei LeSS feine Unterschiede bei anderen Zeremonien wie Daily Scrum, Sprint-Review und Gesamt-Retrospektive.

LeSS im Vergleich zu SAFe

Obwohl LeSS in Unternehmen mit großen Softwareentwicklerteams immer beliebter wird, haben auch andere skalierbare Agile-Frameworks wie Scrum of Scrums oder Scrum@Scale an Zugkraft gewonnen. Eines der führenden Frameworks ist das Scaled Agile Framework® (SAFe).

Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen LeSS und SAFe. Zum Beispiel beginnen beide mit der Skalierung eines Scrum-Teams und der Einbeziehung von Prinzipien wie Lean-Denkweise, kontinuierliche Verbesserung und Kundenorientierung. LeSS unterscheidet sich jedoch dadurch, dass es sich auf die Vereinfachung der Organisationsstruktur konzentriert, die flexibel und anpassungsfähig bleiben soll.

Im Vergleich zu LeSS erfordert SAFe zusätzliche Rollen wie die des Release Train Engineer (RTE), des Solution Train Engineer (STE) und des Epic-Inhabers. Außerdem umfasst SAFe Prozesse, Artefakte und organisatorische Änderungen, die manche Unternehmen möglicherweise nicht umsetzen möchten, selbst wenn sie mit derselben Grundlage starten wie Agile-Teams, die Scrum erfolgreich nutzen. LeSS Huge weist zwar einige Unterschiede zu Basic LeSS auf, ist aber im Großen und Ganzen nicht so komplex wie andere Frameworks.

Vorteile des LeSS-Frameworks

An sich geht es bei LeSS nicht um die Erstellung eines anderen Frameworks, sondern um das Anwenden der Scrum-Prinzipien auf viele Teams, die zusammenarbeiten, um eine komplette, kundenzentrierte End-to-End-Lösung oder ein Produkt zu liefern.

Unter anderem können mit LeSS folgende Vorteile erzielt werden:

  • Die Implementierungskosten sind geringer, da Praktiken zum Einsatz kommen, die die Teams bereits bei Scrum anwenden.
  • Ein Produktinhaber, der das Framework und die Grundsätze kennt, fungiert als Bindeglied zwischen dem Unternehmen und den technischen Teams.
  • Zur Auslieferung eines Produkts werden weniger Mitarbeiter benötigt. Bei LeSS nehmen die Anzahl der Rollen und der Aufwand nicht exponentiell zu.
  • Teams erhalten eine komplette Produktansicht innerhalb des Fokusbereichs.
  • Die Teams stehen in direktem Kontakt mit den Kunden und den Stakeholdern im Unternehmen.
  • Kontinuierliche Verbesserung wird durch häufige Retrospektiven und andere Meetings ermöglicht, die grundlegende Prozesse aus dem Agile Manifest sind.

Für viele Unternehmen kann der LeSS-Ansatz zum Skalieren von Scrum-Teams der nächste logische Schritt auf dem Weg zur Agile-Skalierung sein.

Der nächste Schritt

Frameworks wie LeSS sind eine gangbare Option für Unternehmen, Agile effektiv zu skalieren und die gewünschten Geschäftsergebnisse zu erzielen. Ebenso wichtig sind die Tools, die du auswählst, um deine bestehenden Praktiken zu erweitern und in den Genuss aller Vorteile dieser Praktiken zu kommen. Mit Jira Align, der Enterprise-Plattform von Atlassian für die Agile-Planung, kannst du die Transparenz, die strategische Ausrichtung und die Anpassungsfähigkeit des Unternehmens verbessern und so die digitale Transformation beschleunigen. Erfahre, wie Jira Align LeSS schon heute unterstützt.